Die Dicken sind selber schuld! (…oder?)

Faulheit_Krebs

tz-Schlagzeile mit Couch-Potato (19. Juli 2012)

Neulich machte mal wieder ein Studienergebnis die Runde: Bewegungsmangel könne zu Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen – und damit zum Tod – führen, hieß es. Die Münchner tz spitzte das zu und sprach gleich von der Faulheit, an der jeder zehnte von uns sterben würde, und garnierte die Schlagzeile mit einer adipösen Couch-Potato. Auch die Wochenzeitung Die Zeit griff das Thema auf (leider ist der Artikel bisher nicht online verfügbar). Die Zeit konzentrierte sich auf Übergewicht als Krebsauslöser. 50 Millionen Deutsche seien übergewichtig – und bereits wenige Kilo zuviel würden das Krebsrisiko enorm steigern.

Dass ein ungesunder Lebensstil krank machen kann, wissen wir alle. Die Studien selbst habe ich nicht gelesen, aber bestimmt hatten die Wissenschaftler nur das Beste, also unser aller Gesundheit, im Sinn. Was mich ärgert, ist die journalistische Darstellung der Studienergebnisse. Bei der tz-Headline wie dem Zeit-Artikel erwächst der Eindruck, dass all die dicken Deutschen doch irgendwie selber schuld seien, wenn sie Krebs und andere Krankheiten bekämen. Die Artikel legen nahe, die Dicken hätten sich eben – zu Lebzeiten – mehr bewegen müssen, weniger essen dürfen.

Ist unsere Generation doppelt so faul wie die unserer Großeltern?

Damit schieben die Autoren die Verantwortung für ein gesamtgesellschaftliches Problem einzelnen Individuen zu – ein bekanntes Argumentationsmuster, das in der Regel größere Zusammenhänge verdeckt und strukturelle Ursachen verschleiert. Allein in den letzten dreißig Jahren hat sich die Zahl der Fettleibigen verdoppelt. (Quelle: stern.de) Sind wir also doppelt so faul wie unsere Großeltern? Die US-Amerikaner und Neuseeländer führen das Dicken-Ranking in den reichen Ländern an – sind sie also die faulsten Bewohner unseres Planeten, die Japaner hingegen die fleißigsten, da dünnsten?

Zu faul zum Nachhaken

Bei fünfzig Millionen dicken Deutschen (von knapp 82 Millionen), bei 1,5 Milliarden Übergewichtigen weltweit kann man nicht von einem individuellen Faulheits-Problem ausgehen. Das Dicken-Bashing verschleiert den Blick: Statt nachzuhaken, wo Fehler im System liegen könnten, haut man auf die Dicken drauf. Das ist bequemer, als sich mit Ernährungspolitik und Ernährungsaufklärung, mit Konsumismus und der Lebensmittelindustrie, mit Werbepsychologie, Hormonen in Nahrungsmitteln, Arbeits- und Freizeitwelten zu befassen. Vielleicht beruhigt es sogar einige Leser zu erfahren, dass der Einzelne selbst die Schuld an seinem Krebstod oder Herzinfarkt trägt, da er schlicht zu faul lebte. Schließlich könnte sich so eine eigene Erkrankung vermeiden lassen – oder etwa nicht?!

Update: Der Artikel aus der ZEIT „Die fette Gefahr“ ist inzwischen auch online verfügbar.

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